Kategorie: Momente

Im Augenblick

Kannst Du Dir diesen einen Moment nehmen, um innezuhalten und den Strom deiner Gedanken einfach weiter fließen lassen? Kannst Du die Aufmerksamkeit zu Deinem Atem lenken, zur Tasse in Deiner Hand, zum Boden unter Deinen Füßen? Zur Sorge, zur Angst, zu den offenen Fragen?

Und kannst Du dem Augenblick mit freundlicher Aufmerksamkeit begegnen und ihn fragen: „Mein lieber Augenblick, ich bemerke dich. Ich bin für dich da, auch wenn es gerade schwierig ist mit dir. Ich bin für dich da, ich lasse dich nicht im Stich. Ich weiche nicht von deiner Seite.“

Es ist wie mit einem Kind, das es gerade schwer hat und das wir begleiten. Wir sind da, wir sind anwesend, auch wenn wir im Moment nichts tun oder ändern oder verbessern können.
Auf diese Weise für den Augeblick da zu sein bringt uns in Kontakt mit einer inneren Kraft, mit innerem Vertrauen, innerer Freude, innerer Zuversicht, innerer Weisheit.

Morgens

Morgens, zwischen schlafen und wachen, noch bevor Gedanken ihre Netze nach mir auswerfen, ist da sanft und beständig mein Atem.
Er hat mich durch die Nacht getragen – und ich hab es nicht einmal bemerkt.

Von einer Wiese aus

Hinter dem Haus liegt, zwischen Bahnlinie und Autobahn, eine Wiese.

Inmitten aller Geräusche der Güterzüge, Flugzeuge und LKWs, bewachsen von einer unüberschaubaren Vielfalt an Gräsern, Kräutchen und Blumen, bewohnt von unzähligen Kaninchen- und Krähenstämmen, liegt diese Wiese zu jeder Jahreszeit einfach da.

Was, wenn es sich von einem solchen Ort der ruhenden Vollkommenheit aus, leben ließe? Was, wenn es möglich wäre, von einem solchen Ort aus alles tastend, lauschend, schmeckend und schauend zu erforschen, ohne gedrängt oder gehetzt zu sein?
Was,
wenn die Angst,
die Angst,
diese Angst also,
wenn die Angst so wie ein welkes Blatt oder so wie Krähenfedern auf den Boden und zu Staub zerfiele, wenn sie, wie alles Fallende, so bereitwillig angenommen und klaglos freundlich zu neuem Gras und neuen Kräutchen verwandelt werden würde?

Von einem solchen Ort aus erspühren, wahrnehmen, erlauschen. Dorthin zurückkehren und schauen, was sich findet, was sich ergibt. Dort also eine neue Wurzel eingraben und warten, was entsteht und wächst.

j.g.

Erblühen

… und dann kommt der Frühling doch.

Ihn bewusst zu erleben ist pures Glück. Achtsamkeit entsteht beim Schauen, Schnuppern und Lauschen in den Frühling hinein ganz natürlich. Die kühle feuchte Luft am Morgen, die Stimmen der Vögel, das Wachsen und Blühen – alles lädt uns ein, wahrzunehmen, da zu sein, Freude und Verbundenheit mit der Natur entstehen zu lassen – auch und obwohl unser Leben in vielen Momenten nicht als perfekt ist.

Jeder Moment aber, in dem wir uns dem Frühling bewusst zuwenden, füllt unsere inneren Speicher mit Farben und Klängen, mit der Sanftheit winziger Blättchen, mit wärmenden Sonnenstrahlen und mit dem Vertrauen, dass auf jeden Winter ein Frühling folgt. Jede Blüte kann uns an die Kraft erinnern die dafür sorgt, dass sich alles wandelt und dass auch wir immer wieder neu erblühen.

Wir sind eingeladen, fragend in die Natur zu gehen.

Wenn ich die Augen schließe – woran bemerke ich, dass der Frühling da ist?
Wenn ich ein frisches Blatt berühre – was spüre ich? Wie wirkt sich das auf meinen Körper aus?
Wenn ich „erblühen“ in den Mittelpunkt stelle, welche Gedanken und Empfindungen entstehen?
Folge eigenen Impulsen und Ideen…

Achtsamkeit

Achtsamkeit meint die Kunst,
dem gegenwärtigen Augenblick in seiner ganzen Fülle zu begegnen.

Dir selbst im Augenblick deiner Atmung,
deiner Empfindungen, Gedanken, deiner Gefühle.

Der Vielfalt, die dich umgibt, in Formen, Farben, Geräuschen
und Gerüchen.

Dem Lebendigen, das sich zeigt,
im Keim,
im Wind,
im Wachsen,
im Kiesel,
der fällt,
jetzt.

Wahrnehmen und freigeben.

j.g.
Foto: Marko Deichmann/Pixabay

Schlichtes Tun

Manchmal stelle ich mir dann vor wie es wohl wäre, eigene Kartoffeln zu ernten, Tiere zu versorgen und in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen zu leben. Ich hätte dann unbedingt einen großen Sonnenhut, eine Bank in der Sonne mit Blick auf den Gemüsegarten und sonntags gäbe es immer frischen Apfelkuchen. Die Realität eines solchen Lebens blende ich dann natürlich gerne aus – und auch die Frage, wie es wirklich wäre, als „Selbstversorger“ zu leben oder wer wohl sonntags früh aufstehen würde, um für alle Kuchen zu backen.

Wenn ich in dieser Sache tiefer schaue ist da der Wunsch, mehr mit der Natur verbunden zu sein und mehr im Rhythmus der Natur leben zu können. Ich stelle mir vor, dass so ein mit Natur und Tieren verbundenes Leben auch ein Tun aus der eigenen Mitte heraus einfacher macht. Ein Tun, das sich einfach daran orientiert, was in diesem Moment getan werden muss – also Kartoffeln zu ernten, weil sie jetzt eben geerntet werden müssen und Tiere zu füttern, weil auch dies einfach zu tun ansteht – im Gegensatz zu einem Leben, das von Termine machen, Terminen nachrennen und von ständiger aber irgendwie ziellosen und entwurzelten Aktivität bestimmt ist.

Was treibt uns an, was hindert uns eigentlich am Tun aus dem Augenblick? Vielleicht die Angst. Die Angst, Sicherheit oder Anerkennung zu verlieren, vielleicht auch davor zu erkennen, dass wir anders sind und anderes brauchen, als wir geglaubt haben.

Sich dabei für Achtsamkeit zu öffnen ist ein großes Wagnis. Wir nehmen dann das Wagnis auf uns, dass der schöne Schein von ständiger Aktivität, von Rennen und wichtig sein, abblättert und darunter unsere wahren Bedürfnisse zutage kommen. Das ist gar kein einfacher Prozess. Wenn um uns herum beispielsweise Menschen sind, die überhaupt keine Ahnung mehr davon haben, was ein „Tun aus der eigenen Mitte“ eigentlich bedeutet und wie es sich anfühlt so zu arbeiten, ist es wirklich nicht leicht, einen anderen Weg zu gehen. Zugleich legt Achtsamkeit unsere wahre innere Schönheit frei, unsere Freundlichkeit, unsere Güte, auch eine Schlichtheit. Einfach Mensch zu sein, einfach da zu sein und einfach zu tun, was zu tun ansteht, ist nicht so kompliziert, wie wir manchmal meinen. Wir müssen uns nicht so sehr anstrengen „jemand zu sein“, wir sind ja bereits. Aus diesem schlichten Da-sein ergibt sich auch ein schlichtes „tun, was zu tun ansteht“.

Auch wenn wir keine Kartoffeln anbauen oder ernten können, so können wir doch täglich Ausschau halten nach schlichten Arbeiten, die uns helfen, im Augenblick und bei uns selbst anzukommen: Kartoffeln schälen zum Beispiel, Wäsche falten oder einem Kind die Schuhe binden. Vielleicht können wir diese schlichten Arbeiten nur bewahren können, wenn wir sie selbst tun. Vielleicht bewahren wir auf diese Weise auch unser schlichtes Da-sein.