Kategorie: Momente

Der Angst begegnen

Ach, wenn wir doch nur wüssten, ob die Angst, die wir empfinden, gerechtfertigt ist oder nicht. Die Angst, die uns hilft und schützt, die uns aber auch verschließt. Die uns verbindet und zusammenschweißt mit jenen, die unsere Angst teilen – und uns trennt von den anderen, die diese Angst nicht teilen oder andere Ängste haben. Diese Angst also, von der wir auf den ersten Blick annehmen könnten, sie sei der große Gegenspieler der inneren Freude.

„Wenn wir wissen“, schreiben die beiden Psychologinnen Susan Orsillo und Lizabeth Roemer in ihrem Buch „Der achtsame Weg durch die Angst“, „dass an einem bestimmten Ort Gefahr wartet, ist es weise, wenn wir diesen Ort meiden. Aber wenn wir zu sehr auf Angst und Furcht hören, dann kann es passieren, dass wir schließlich immer mehr Zeit und Energie damit verbringen, ihnen auszuweichen oder sie zu vermeiden – auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene. Unser Gesichtsfeld verengt sich; die Breite und Tiefe unserer Erfahrung wird kleiner. Wir werden gefangen von unserem eigenen Selbsterhaltungstrieb und unserer eigenen Reaktivität. Um uns aus dem engen Griff, mit dem die Angst unser Leben festhält, zu befreien, müssen wir eine neue Art von Gewahrsein kultivieren – eine mitfühlende, sanfte, aber gleichzeitig unerschütterliche Art der Wahrnehmung unserer Reaktionen und unserer Umgebung, die nicht den Drang auslösen, so schnell wie möglich zu fliehen. Dieses Gewahrsein wird als Achtsamkeit bezeichnet.“

Achtsames Gewahrsein im Angesicht der Angst, das ist ein wenig so, als würden wir einen Tiger, den wir in unmittelbarer Nähe fürchten müssten, aus sicherer Entfernung im weiten Feld seines Lebensraums beobachten, zum Beispiel mit einem Fernglas aus dem Auto heraus. Aus sicherer Entfernung werden uns seine Kraft und seine Beweglichkeit faszinieren. Wir werden neue Aspekte an seinem Wesen entdecken, seine Sanftheit, seine Spielfreude, seine Schläfrigkeit in der Mittagssonne. Wir lernen, wie er lebt, jagt, ruht, sich paart und Jungtiere aufzieht. Nach und nach werden wir vertraut mit ihm, und vielleicht wird mehr Nähe möglich. Und vielleicht wird uns dann bewusst, dass auch er verletzbar ist, Schmerz und Leid empfindet. Und dass auch er Angst kennt, so wie wir.
Und dies bedeutet nicht, dass uns der Tiger nicht auch gefährlich werden kann. Und zugleich, dass er so viel mehr ist, als gefährlich.

Der Ort, von dem aus wir Angst aus sicherer Entfernung heraus betrachten und studieren können, liegt in uns. Von diesem sicheren Ort aus, an dem wir mit innerer Freude und Neugier verbunden sind, können wir beobachten: Wie bewegt sich die Angst, was lässt sie aufsteigen, was lässt sie abflauen? Was nährt sie und wann liegt sie dösend im Mittagsschlaf? Was lässt Angst aggressiv und panisch werden und was hilft ihr zu einer Haltung der gelassenen, ruhigen Wachsamkeit? Das ist als würde in uns ein Beobachter existieren, der sich mit interessierter Aufmerksamkeit zuwendet und betrachtet, ohne zu bewerten.

Angst nämlich, und das erfahren wir auf dem Weg der Achtsamkeit, ist nicht unser Feind. Wir müssen sie nicht los werden und auch nicht verdrängen, nur mit ihr sein und die Angst ihre Arbeit machen lassen. Sie schützt diesen inneren Ort in uns, an dem wir unabhängig von äußeren Einflüssen sicher und geborgen sind. Angst dient diesem Ort, sie will ihn bewahren, damit wir uns sicher fühlen und uns aus der inneren Freude heraus dem Leben zuwenden können.

Foto: Wendy Corniquet / Pixabay

Im Augenblick

Kannst Du Dir diesen einen Moment nehmen, um innezuhalten und den Strom deiner Gedanken einfach weiter fließen lassen? Kannst Du die Aufmerksamkeit zu Deinem Atem lenken, zur Tasse in Deiner Hand, zum Boden unter Deinen Füßen? Zur Sorge, zur Angst, zu den offenen Fragen?

Und kannst Du dem Augenblick mit freundlicher Aufmerksamkeit begegnen und ihn fragen: „Mein lieber Augenblick, ich bemerke dich. Ich bin für dich da, auch wenn es gerade schwierig ist mit dir. Ich bin für dich da, ich lasse dich nicht im Stich. Ich weiche nicht von deiner Seite.“

Es ist wie mit einem Kind, das es gerade schwer hat und das wir begleiten. Wir sind da, wir sind anwesend, auch wenn wir im Moment nichts tun oder ändern oder verbessern können.
Auf diese Weise für den Augeblick da zu sein bringt uns in Kontakt mit einer inneren Kraft, mit innerem Vertrauen, innerer Freude, innerer Zuversicht, innerer Weisheit.

Morgens

Morgens, zwischen schlafen und wachen, noch bevor Gedanken ihre Netze nach mir auswerfen, ist da sanft und beständig mein Atem.
Er hat mich durch die Nacht getragen – und ich hab es nicht einmal bemerkt.

Von einer Wiese aus

Hinter dem Haus liegt, zwischen Bahnlinie und Autobahn, eine Wiese.

Inmitten aller Geräusche der Güterzüge, Flugzeuge und LKWs, bewachsen von einer unüberschaubaren Vielfalt an Gräsern, Kräutchen und Blumen, bewohnt von unzähligen Kaninchen- und Krähenstämmen, liegt diese Wiese zu jeder Jahreszeit einfach da.

Was, wenn es sich von einem solchen Ort der ruhenden Vollkommenheit aus, leben ließe? Was, wenn es möglich wäre, von einem solchen Ort aus alles tastend, lauschend, schmeckend und schauend zu erforschen, ohne gedrängt oder gehetzt zu sein?
Was,
wenn die Angst,
die Angst,
diese Angst also,
wenn die Angst so wie ein welkes Blatt oder so wie Krähenfedern auf den Boden und zu Staub zerfiele, wenn sie, wie alles Fallende, so bereitwillig angenommen und klaglos freundlich zu neuem Gras und neuen Kräutchen verwandelt werden würde?

Von einem solchen Ort aus erspühren, wahrnehmen, erlauschen. Dorthin zurückkehren und schauen, was sich findet, was sich ergibt. Dort also eine neue Wurzel eingraben und warten, was entsteht und wächst.

j.g.

Achtsamkeit

Achtsamkeit meint die Kunst,
dem gegenwärtigen Augenblick in seiner ganzen Fülle zu begegnen.

Dir selbst im Augenblick deiner Atmung,
deiner Empfindungen, Gedanken, deiner Gefühle.

Der Vielfalt, die dich umgibt, in Formen, Farben, Geräuschen
und Gerüchen.

Dem Lebendigen, das sich zeigt,
im Keim,
im Wind,
im Wachsen,
im Kiesel,
der fällt,
jetzt.

Wahrnehmen und freigeben.

j.g.