Morgens

Morgens, zwischen schlafen und wachen, noch bevor Gedanken ihre Netze nach mir auswerfen, ist da sanft und beständig mein Atem.
Er hat mich durch die Nacht getragen – und ich hab es nicht einmal bemerkt.

Das Wispern der Dinge

Und dann dieses Frage: „Was soll ich denn machen und was soll aus mir werden?“
Wer soll das wissen?
Wir fragen die Kinder: „Was willst du denn machen und was willst du mal werden?“.

Die Kinder aber haben keine Antwort darauf, und sie kennen diese Frage innerlich nicht.
Sie tun ja schon, was jetzt zu tun ist.

Es ist wie im Märchen von Goldmarie: Die Betten wollen geschüttelt sein, und sie werden geschüttelt. Das Brot will gebacken sein, und es kommt in den Ofen. Die reifen Äpfel wollen gepflückt sein, und sie werden gepflückt.

Kinder, solange sie klein sind, können das noch: unmittelbar und von innen auf das antworten, was von den Dingen aus an sie herangetragen wird.
Erst nach und nach lehren sie, dass es nicht reicht, so zu sein. Dass es ein äußeres Ziel braucht und einen Plan, auch wenn er unsinnig ist.

Wie verlernen dabei, auf die Stimmen der Dinge zu lauschen. Auf das Wispern der Dinge und ihre Fragen. Und wir verlernen das innere Vertrauen, dass es auf die Fragen, die sie stellen, in uns eine Antwort gibt.

Ich habe es als hilfreich gefunden, in den Wald zu gehen, um wieder dem Wispern der Dinge zu lauschen.
Auch der Schreibtisch, die Küche, der Garten sind Orte, an denen das Wispern gehört werden kann. Und manchmal, nicht selten, ruhen die Dinge im Zustand völliger Zufriedenheit. Weil die Zeit noch nicht reif ist. Weil jetzt alles so sein darf, wie es jetzt eben ist. Auch ich. Auch du, mein Kind.




Im Augenblick

Kannst Du Dir diesen einen Moment nehmen, um innezuhalten und den Strom deiner Gedanken einfach weiter fließen lassen? Kannst Du die Aufmerksamkeit zu Deinem Atem lenken, zur Tasse in Deiner Hand, zum Boden unter Deinen Füßen? Zur Sorge, zur Angst, zu den offenen Fragen?

Und kannst Du dem Augenblick mit freundlicher Aufmerksamkeit begegnen und ihn fragen: „Mein lieber Augenblick, ich bemerke dich. Ich bin für dich da, auch wenn es gerade schwierig ist mit dir. Ich bin für dich da, ich lasse dich nicht im Stich. Ich weiche nicht von deiner Seite.“

Es ist wie mit einem Kind, das es gerade schwer hat und das wir begleiten. Wir sind da, wir sind anwesend, auch wenn wir im Moment nichts tun oder ändern oder verbessern können.
Auf diese Weise für den Augeblick da zu sein bringt uns in Kontakt mit einer inneren Kraft, mit innerem Vertrauen, innerer Freude, innerer Zuversicht, innerer Weisheit.

Übung mit Bäumen

Wir können in den Wald oder in die Natur gehen mit der Frage:

Wenn ich die Augen schließe und nichts sehe – woran bemerke ich, dass ein oder mehrere Bäume da sind?

Welche Empfindungen und Wahrnehmung entstehen?

Wenn ich die Augen öffne und einen Baum betrachte – was sehe ich?
Wie wirkt sich das auf meine Gedanken und Gefühle aus?

Welche Möglichkeiten habe ich, Kontakt mit dem Baum aufzunehmen?
Welche Möglichkeiten hat der Baum, Kontakt zu mir aufzunehmen?

Welche freudigen Erinnerung an einen Baum hast Du? Für ein paar Momente in dieser Erinnerung bleiben, der Freude nachspüren…

Von einer Wiese aus

Hinter dem Haus liegt, zwischen Bahnlinie und Autobahn, eine Wiese.

Inmitten aller Geräusche der Güterzüge, Flugzeuge und LKWs, bewachsen von einer unüberschaubaren Vielfalt an Gräsern, Kräutchen und Blumen, bewohnt von unzähligen Kaninchen- und Krähenstämmen, liegt diese Wiese zu jeder Jahreszeit einfach da.

Was, wenn es sich von einem solchen Ort der ruhenden Vollkommenheit aus, leben ließe? Was, wenn es möglich wäre, von einem solchen Ort aus alles tastend, lauschend, schmeckend und schauend zu erforschen, ohne gedrängt oder gehetzt zu sein?
Was,
wenn die Angst,
die Angst,
diese Angst also,
wenn die Angst so wie ein welkes Blatt oder so wie Krähenfedern auf den Boden und zu Staub zerfiele, wenn sie, wie alles Fallende, so bereitwillig angenommen und klaglos freundlich zu neuem Gras und neuen Kräutchen verwandelt werden würde?

Von einem solchen Ort aus erspühren, wahrnehmen, erlauschen. Dorthin zurückkehren und schauen, was sich findet, was sich ergibt. Dort also eine neue Wurzel eingraben und warten, was entsteht und wächst.

j.g.

Erblühen

… und dann kommt der Frühling doch.

Ihn bewusst zu erleben ist pures Glück. Achtsamkeit entsteht beim Schauen, Schnuppern und Lauschen in den Frühling hinein ganz natürlich. Die kühle feuchte Luft am Morgen, die Stimmen der Vögel, das Wachsen und Blühen – alles lädt uns ein, wahrzunehmen, da zu sein, Freude und Verbundenheit mit der Natur entstehen zu lassen – auch und obwohl unser Leben in vielen Momenten nicht als perfekt ist.

Jeder Moment aber, in dem wir uns dem Frühling bewusst zuwenden, füllt unsere inneren Speicher mit Farben und Klängen, mit der Sanftheit winziger Blättchen, mit wärmenden Sonnenstrahlen und mit dem Vertrauen, dass auf jeden Winter ein Frühling folgt. Jede Blüte kann uns an die Kraft erinnern die dafür sorgt, dass sich alles wandelt und dass auch wir immer wieder neu erblühen.

Wir sind eingeladen, fragend in die Natur zu gehen.

Wenn ich die Augen schließe – woran bemerke ich, dass der Frühling da ist?
Wenn ich ein frisches Blatt berühre – was spüre ich? Wie wirkt sich das auf meinen Körper aus?
Wenn ich „erblühen“ in den Mittelpunkt stelle, welche Gedanken und Empfindungen entstehen?
Folge eigenen Impulsen und Ideen…

Ankommen

Wir müssen nicht so viel tun. Nur einen Ort finden, an dem wir eine Zeit lang ungestört sitzen können. An dem wir uns niederlassen können.

Wir sitzen nicht, um uns zu verbessern, es richtig zu machen, ein Ziel zu erreichen oder um uns oder anderen etwas zu beweisen.

Nur das: wir lassen uns nieder und verbringen Zeit in Stille.
Wir sitzen und atmen.

Der ganze Körper darf ruhen.
Wir müssen nichts machen, auch nicht entspannen.
Wenn sich Anspannungen lösen, lassen wir das zu.
Wenn der Körper eine angenehmere Haltung einnehmen will, lassen wir das auch zu.

Nur sitzen und atmen. Ohne Anstrengung, ohne Ziel.

Im Augenblick ankommen, im Augenblick ruhen.

Körperempfinden machen sich bemerkbar.
Gedanken kommen auf.
Wir alle machen diese Erfahrung, wenn wir still werden, weil wir Menschen sind, die denken und fühlen.

Wir bemerken Gedanken, Empfindungen und Gefühle und kehren zurück zu unserer Absicht, einfach ruhig zu sitzen und mit freundlichem Interesse zu beobachten, was sich zeigt.

Da ist der Atem, der stetig ein- und ausfließt. Er hinterlässt Empfindungen an der Nase, im Brustkorb, am Bauch.

Da sind angenehme, unangenehme oder neutrale Empfindungen, die von unserem Körper ausgehen.

Da sind Gedanken, die von unsem Geist ausgehen.

So wie das Herz schlägt und die Lunge atmet, so entstehen auch Gedanken ganz von alleine.

Wir sind da und beobachten, dass alles entsteht und sich verändert.

Manchen Menschen hilft es, sich auf den Atem zu konzentrieren. Er kann ein Anker sein, der uns Halt gibt.
Andere unterstützt es, immer wieder zur Wahrnehmung des ganzen ruhenden Körpers zurückzukehren.
Wir sind frei, mit freundlichem Interesse zu erforschen, was uns hilft und unterstützt.

Wir alle üben, lernen und wachsen im eigenen Tempo.
Auch Achtsamkeit wächst im eigenen Tempo und sucht sich ihre Wege.

Derweil können wir noch eine Zeit lang in Ruhe sitzen und uns erlauben, einfach zu sein.




Achtsamkeit

Achtsamkeit meint die Kunst,
dem gegenwärtigen Augenblick in seiner ganzen Fülle zu begegnen.

Dir selbst im Augenblick deiner Atmung,
deiner Empfindungen, Gedanken, deiner Gefühle.

Der Vielfalt, die dich umgibt, in Formen, Farben, Geräuschen
und Gerüchen.

Dem Lebendigen, das sich zeigt,
im Keim,
im Wind,
im Wachsen,
im Kiesel,
der fällt,
jetzt.

Wahrnehmen und freigeben.

j.g.
Foto: Marko Deichmann/Pixabay